rebloggt von lesewelle: Mordechai Wolkenbruch, schlicht Motti genannt, ist fünfundzwanzig Jahre alt und orthodoxer Jude. Seine Mutter führt in der Familie das Regiment und befindet, dass es Zeit wäre, dass auch ihr Jüngster endlich heiraten sollte. Heiratswillige jüdische Kandidatinnen gibt es genügend und gar manches Treffen mit anderen Müttern und ihren Töchtern finden nicht ganz zufällig statt. Doch … Weiterlesen
Er war wohl einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Judentums des 20. Jahrhunderts, der Rabbiner Leo Baeck, dessen Leben die Autorin Waldtraut Lewin in dieser beeindruckenden Romanbiographie eingefangen hat. In einem gelungenen Wechsel schiebt sie immer wieder dokumentarische Teile ein in die literarisch anspruchsvoll geschilderte Lebensgeschichte eines Mannes, der, als die Nazis 1933 an die Macht kommen, schon lange einer der einflussreichsten Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland war.
Es gibt Bücher, die lassen dich mit unzähligen Fragen zurück. Die lösen in dir etwas aus, ohne dass du dieses Etwas greifen kannst. Bücher, die dich regelrecht sprachlos machen; du willst etwas über sie sagen, aber du weißt nicht, was. Oder wie. Dabei scheinen sie dich geradezu aufzufordern, den Mund aufzumachen und Stellung zu beziehen. Das Eigentliche der deutschen Schriftstellerin Iris Hanika, deren Debütroman Treffen sich zwei 2008 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gewählt wurde, ist ein solches Buch. Es hat nichts Geringeres als das Gedenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten zum Gegenstand, und obwohl ich mich mit diesem Thema schon auf vielfältige Weise befasst habe, fällt mir der Zugang zu diesem Text schwer. Und noch schwerer fällt es mir, meine Leseeindrücke in die wohlgeordnete Form einer Rezension zu bringen.
In einer von autobiographischen Reminiszenzen nicht freien Geschichte erzählt der jüdische Autor David Bezmozgis von der jüdisch-lettischen Familie Krasnansky aus Riga, die 1978 aus der Sowjetunion ausreist, ohne im Westen ein genaues Ziel zu kennen. Anders als viele Autoren, die den Schwerpunkt ihrer Auswanderungsgeschichten, seien sie nun von Juden erzählt oder von anderen, auf die schwierige Ankunft und die problematische Integration am neuen Zufluchtsort legen, geht es in David Bezmozgis’ Roman um jene fünf Monate, die die Familie Krasnansky in ihrem Transitland Italien an einem Ort in der Nähe von Rom verbringt.
Josha Zwaan wurde 1963 geboren, sie schreibt für Zeitungen und Zeitschriften und arbeitet als Coach und Prozessbegleiterin. Ein Thema, mit dem sie sich lange beschäftigt hat, ist das Schicksal jüdischer Kinder, die den Holocaust in christlichen Pflegefamilien überlebt haben und anschließend nicht in ihre ursprüngliche Familie zurückgekehrt sind. Parnassia – ihr Debütroman – widmet sich genau diesem Thema und beruht auf historischen Begebenheiten.
“Der Erzähler Raphaël Schlemilovitch ist ein halluzinierender Held. Durch seine Gestalt wandern und kreisen auf rasenden Bahnen tausend Leben, die seine eigenen sein könnten, in einer aufwühlenden Phantasmagorie.” So kündigt Patrick Modiano dem Leser seinen Ich-Erzähler an, und bevor man also dessen Erlebnissen lauschen kann, ist eines klar: Dies ist ein besonderer Held. Keine festgefügte Person mit bestimmten Eigenschaften, nicht mal ein eindeutiger Charakter, sondern eine menschliche Hülle mit sprechendem Namen (der unglückliche Jude, der stets vom Pech verfolgt wird), die ihre Rollen wie das frische Hemd am Morgen wechselt.
David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört heutzutage zu den wichtigsten israelischen Schriftstellern. 2010 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt erschienen von ihm 2009 der Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht und im vergangenen Jahr Die Umarmung. Aus der Zeit fallen ist sein neuester Roman. Wir sind hier und er ist dort, grenzewig zwischen hier und dort.“
Jerusalem, 1950er Jahre: Hannah ist gerade zwanzig, als sie ihr Studium der Literaturwissenschaften beginnt und an einem regnerischen Winterabend auf Michael trifft. Der studiert Geologie im dritten Semester und hatte noch niemals eine Freundin. Beide sind fasziniert vom anderen und die feste Beziehung kommt schnell zustande. Doch schon beim zweiten Treffen spürt Hannah eine Distanz zwischen ihr und Michael, die sich durch Worte nicht überbrücken lässt, eine Vorahnung, auf die sie besser hätte hören sollen.
Odessa um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende… eine “fröhliche” Stadt voller Lebensfreude, Esprit, Kultur und Geschäftigkeit, eine junge Stadt am Schwarzen Meer, eine Heimat für Russen, Ukrainer, Bulgaren, Griechen und vor allem auch Juden. Ein gegenseitiges Sichbefruchten verschiedener Kulturen, hundert Sprachen sind zu hören, Musik für die Ohren… “Diese ersten Jahre des Jahrhunderts hießen damals ‘Frühling’: ein gesellschaftliches und staatliches Erwachen“, welches mit dem individuellen Frühling des Erzählers, eines jungen Mannes, zusammenfielen.
Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen ist ein dünnes Büchlein, das leicht und unscheinbar in der Hand liegt. Und doch wiegt es in Hand und Herz weit schwerer, als sein Umfang es erahnen lässt. Lizzie Doron erzählt darin von ihrer Mutter Helena, die aus dem Lande “Dort” stammt und in der Tel Aviver Nachbarschaft gleichsam hoch geachtet und für verrückt gehalten wird. Doron stellt 23 Episoden und Szenen aus ihrer Kindheit zusammen, alle jeweils um eine Erinnerung oder Begebenheit gruppiert; in allen erscheint die Mutter als patente, mutige Frau, deren Seele voller tiefer Kratzer ist.
Ähnlich wie das die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron auf beeindruckende und erschütternde Weise in ihren Büchern tut, etwa in dem sehr empfehlenswerten Roman Der Anfang von etwas Schönem (Jüdischer Verlag 2007), spürt auch die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot in Aus der Nacht der Frage nach, wie die Kinder der Überlebenden der Shoa ihr Leben bewältigen können, wie sie es schaffen, die dicke Mauer des Schweigens ihrer Eltern zu durchbrechen und einen inneren Kontakt zu schaffen zu dem, was doch auch ihre Geschichte ist. Im Unterschied zu Lizzie Doron, deren Mutter in Auschwitz war und die in Israel lebt, schreibt Cécile Wajsbrot aus einer französischen Perspektive.
Ich glaube, ein derartiges Buch las ich noch nie: Edmund de Waals Der Hase mit den Bernsteinaugen – Biographie, Autobiographie, Reisebuch, kunstgeschichtliche Spurensuche, Familiengeschichte, jüdisches Leben … Das Buch enthält eine solche Fülle an Themen, die mich noch dazu alle interessieren, dass es mich ganz und gar fesseln und begeistern konnte. Der Stil, weitgehend berichtend, ist dennoch einfühlsam und durchsetzt mit persönlichen Erinnerungen und Eindrücken des Autors.
Ada stiehlt sich zu gern aus der dunklen, staubigen Wirklichkeit ihres Elternhauses weg und denkt an Harry. Der ist zwar mit ihr verwandt, doch könnte der Unterschied zwischen beiden nicht größer sein: Während bei Ada zu Hause alte Kleider geflickt werden müssen und die Angst vor drohenden Pogromen den Alltag überschattet, lebt Harry als Sohn reicher Juden im besten Viertel der Stadt. So braucht es einen Zufall, dass die Kinder sich überhaupt einmal begegnen. Harry ist von dem schmutzigen kleinen Mädchen mit den hungrigen Augen fasziniert, gleichzeitig aber auch abgeschreckt. Trotzdem ist für Ada schon jetzt klar: Sie liebt Harry. Ihre Gedanken an ihn sind die einsame Insel, auf die sie sich ihre Jugend hindurch flüchtet.
Pierre Assouline taucht mit diesem Roman ein in das “Goldene Zeitalter der Denunziation”, das in Frankreich unter der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg ausgebrochen war. Diese Zusammenarbeit der Franzosen, sowohl staatlicher Stellen wie auch der von Privaten, mit den Deutschen, ist ein dunkles Kapitel der französischen Geschichte, ein Abschnitt, an den sich zu erinnern den Franzosen auch heute noch schwerfällt. Sie muss ein erhebliches Ausmaß angenommen haben, so dass die deutschen Behörden schon gar nicht mehr alles lasen, denn der Erzähler in Assoulines Geschichte findet bei seinen Recherchen massenhaft ungeöffnete Briefe von Franzosen an die Besatzungsbehörden. Weiterlesen
Sorgfältigen Beobachtern der deutschsprachigen Literaturszene ist die Schriftstellerin, Essayistin und Lyrikerin Ursula Krechel schon lange ein Begriff. Schon in ihrem letzten Buch Shanghai fern von wo, in dem sie sich zum ersten Mal an einem Roman versucht hatte, beschrieb sie detailliert das Schicksal jüdischer Emigranten in Shanghai und hatte viele Jahre dafür recherchiert. In Rahmen der Recherchearbeiten fiel ihr auch Material in die Hände, das sie nun nach jahrelanger Arbeit in den Roman Landgericht gefasst hat, der in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Erzählt wird die Geschichte des jüdischen Richters Richard Kornitzer, der dem Holocaust rechtzeitig entkommen konnte.