Mit ihrem ersten Buch hat die aus einer Familie irakischer Juden stammende, in Israel geborene und in England aufgewachsene Journalistin Rachel Shabi einen Konflikt beschrieben und in seinen historischen Dimensionen gezeigt, der den Staat Israel und seine Gesellschaft prägt und quält seit seiner Gründung. Die Rede ist von dem Verhältnis zwischen den Juden, die aus Europa stammen, den sogenannten Aschkenasim, und den orientalischen Juden, die Misrachim genannt werden. Wurzeln die ersten in der europäischen Kultur und Tradition, haben die zweiten ihre kulturellen Wurzeln in den Gesellschaften der arabischen Länder des Nahen Ostens.
Eine sepiagetünchte Fotografie ist es, die den erfolgreichen Innenarchitekten Max Berman durch seine Kindheit begleitet. Darauf zu sehen ist ein Haus in der österreichischen Heimat der Familie, eine kleine Villa, mit der sich für Max vor allem eines verbindet: die schmerzhafte Erinnerung seiner Mutter Mira an ihr altes Leben vor dem Krieg, an Beschaulichkeit und eine intakte Familie. Denn die zerbricht jäh, als Mira, die drei Söhne und Vater Samuel die Kleinstadt H. in Richtung Amerika verlassen müssen.
Das Jüdische Filmfestival Berlin & Potsdam 2012 endet am Sonntag, dem 17. Juli, mit zwei Filmvorstellungen im Kino Toni in Berlin Weißensee. Eine davon war der Dokumentarfilm Jew.De.Ru von Tanja Grinberg. Schon der Trailer machte neugierig, denn man schwankt doch zwischen Belustigung und Schock. Zu Beginn des Filmes werden drei Fragen gestellt: Was verbindet ihr mit dem Begriff „Juden“? Wie viel Juden leben heute in Deutschland? Was sind jüdische Kontingentflüchtlinge? Bereits hier fühlt sich der Zuschauer mit dem Fakt konfrontiert, dass im Geschichtsunterricht zwar oft über die Zeit des Holocaust gesprochen wird, aber oftmals nicht über die jüdische Geschichte und erst recht nicht über gelebte, jüdische Gegenwart.
Über viele Jahrzehnte hat sich in Deutschland eine Erinnerungskultur etabliert, die auch nach der Wiedervereinigung 1990 erst einmal stabil blieb. Das formalisierte und extrem ritualisierte Gedenken an den Nationalsozialismus und den Holocaust wurde zum ersten Mal mit großen Medienecho in Frage gestellt von Martin Walser, als er bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 Folgendes sagte:
Stellt euch vor, ihr wollt eigentlich eine Kriminalgeschichte schreiben. Gerade seid ihr auf einen spannenden Kriminalfall aus dem Jahr 1938 gestoßen: Ein leichtes Mädchen ist grausam ermordet und dann verbrannt worden, zahlreiche Mitglieder der High Society kommen als Täter in Frage. Toll, denkt ihr, daraus lässt sich ein Berlin-Krimi mit “Dreißiger-Jahre-Touch” machen. Das dachte auch Eva Züchner. Aber einer der Liebhaber der Ermordeten Tilly A. ist Jude, und das Erforschen seiner Geschichte im Berlin der 1930er Jahre wird zu einer “Falltür im Boden der Geschichte”, die Züchner hinabsteigt. Und am Ende erzählt sie eine ganz andere, aber ebenso spannende Geschichte: Es ist vor allem die der jüdischen Familie Caro.
Rettungswiderstand nennt Lustiger die Bemühungen einzelner Menschen oder Gruppen, die ihre Nachbarn, Freunde und auch Fremde versteckt, ernährt und damit gerettet haben. Diesen heimlichen Rettern, vielfach unbekannten und bisher öffentlich nicht erwähnten Menschen mit Zivilcourage will Lustiger mit seiner Untersuchung ein Denkmal setzen. Nicht zuletzt deshalb, weil er sein Leben selbst solchen Rettungswiderständlern verdankt.
Oliver Guez hat ein ambitioniertes Projekt: Die deutsch-jüdische Geschichte will er rekapitulieren, angefangen beim Vorreiter jüdischer Assimilation und Bildungssucht Moses Mendelssohn bis hin zu Wladimir Kaminer, für den sein jüdisches Herkommen kaum mehr eine Rolle spielt. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland wachsen, Synagogen und Gemeinden werden aufgebaut und die jüdische Stimme hat im politischen Diskurs Deutschlands im 21. Jahrhundert wieder eine hörbare Stimme. Ist das – nach Verfolgung und Ausrottungsbestrebungen der Nazis – nicht fast ein Wunder? Was hat die ehemals Verfolgten überhaupt dazu gebracht, in das Land ihrer Feinde und Häscher zurückzukehren?
Manès Sperber entstammt dem osteuropäischen, chassidischen Judentum. 1905 in Galizien, in Zabłotów, geboren, legt er in der Trilogie All das Vergangene… seine autobiographischen Erinnerungen vor, deren erste 13 Jahre das Bändchen Die Wasserträger Gottes umfasst.
Die Juden nehmen sich bekanntlich selbst gerne auf die Schippe, das zeigt Lena Gorelik in ihrem Werk mit dem unendlich langen Titel. Habt ihr was zu Schreiben? Nein, dann solltet ihr euch lieber jetzt Stift und Papier holen und notiert euch bitte: Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.
“I have this sense that when you disrobe and go into the mikvah you’re peeling off all façade, all pretense, there’s nothing you can hide, not from yourself and not from God.” [5] Weiterlesen
Das United States Holocaust Memorial Museum hat eine bemerkenswerte Initiative ins Leben gerufen. Unter dem Titel Remember me haben Mitarbeiter des Museums 1100 Fotografien von Kindern und Jugendlichen zusammengetragen, die im Laufe der nationalsozialistischen Vernichtungsorgie von ihren Familien getrennt wurden, versteckt überleben konnten oder als Waisen endeten.* Die Bilder wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von verschiedenen Hilfsorganisationen gemacht, um es Angehörigen zu erleichtern, ihre Kinder wiederzufinden.
Das Freie Jüdische Lehrhaus ist aus der 1920 gegründeten Jüdischen Volkshochschule in Frankfurt am Main hervorgegangen. Franz Rosenzweig war der erste Leiter des Lehrhauses, ihm ging es in erster Linie um die Bewahrung und Herausbildung einer spezifisch jüdischen Kultur. Anders als zeitgenössische Zionisten war ihm diese gemeinsame kulturelle Grundlage des jüdischen Volkes wichtiger, als die Gründung eines jüdischen Staates. Im Glauben an die verbindende Kraft einer gemeinsamen Kultur wollte Rosenzweig mit seinem Lehrhaus jene assmilierten, gebildeten Juden wieder für das Judentum zurückgewinnen, die ihre intellelektuelle und spiriturelle Heimat nicht mehr im Judentum sahen.
Mendel Singer ist nicht wohlhabend – im Gegenteil. Dreißig Jahre ist er alt und versorgt als einfacher Dorflehrer seine Frau und drei Kinder, das vierte ist unterwegs. Und doch klagt Mendel nicht, er ist gottesfürchtig und vertraut auf die leitende Hand Gottes. Obwohl die Familie in ihrer engen Hütte mittel im russischen Schtetl sehr bescheiden lebt, ist Mendel ein zufriedener Mensch. Gerne unterrichtet er die jüdischen Jungen der Nachbarschaft im Bibellesen, auch wenn seine Frau Deborah ihre Enttäuschung darüber, dass Mendel „nur“ ein Lehrer ist, nicht verbirgt.