„Mehr Juden ins Kino“- so lautet der Claim des diesjährigen Jüdischen Filmfestivals, das in Berlin und Potsdam zu Hause ist. Pünktlich zum 18. Festival hat der Fotograf und Künstler Daniel Josefsohn die Kampagne mit den schwarzen Plakaten gestaltet. Bald wird man die Plakate in Berlin und Potsdam hängen sehen.
Über viele Jahrzehnte hat sich in Deutschland eine Erinnerungskultur etabliert, die auch nach der Wiedervereinigung 1990 erst einmal stabil blieb. Das formalisierte und extrem ritualisierte Gedenken an den Nationalsozialismus und den Holocaust wurde zum ersten Mal mit großen Medienecho in Frage gestellt von Martin Walser, als er bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 Folgendes sagte:
Stellt euch vor, ihr wollt eigentlich eine Kriminalgeschichte schreiben. Gerade seid ihr auf einen spannenden Kriminalfall aus dem Jahr 1938 gestoßen: Ein leichtes Mädchen ist grausam ermordet und dann verbrannt worden, zahlreiche Mitglieder der High Society kommen als Täter in Frage. Toll, denkt ihr, daraus lässt sich ein Berlin-Krimi mit “Dreißiger-Jahre-Touch” machen. Das dachte auch Eva Züchner. Aber einer der Liebhaber der Ermordeten Tilly A. ist Jude, und das Erforschen seiner Geschichte im Berlin der 1930er Jahre wird zu einer “Falltür im Boden der Geschichte”, die Züchner hinabsteigt. Und am Ende erzählt sie eine ganz andere, aber ebenso spannende Geschichte: Es ist vor allem die der jüdischen Familie Caro.
Dieses hervorragende Buch basiert auf Gesprächen mit Gad Granach, die Hilde Recher, Henryk M. Broder und Michael Bergmann geführt haben, und bewahrt den Charme, den trockenen Humor und den gesunden Menschenverstand Granachs aufs Schönste. Gad Granach ist der Sohn des Schauspielers Alexander Granach und der bürgerlichen, politisch engagierten Martha.
Bei meinem Besuch auf der Leipziger Buchmesse traf ich auch die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, die fast jedes Jahr in Leipzig ist und ihre Bücher vorstellt und ganz nebenbei ihr halbes Leben Revue passieren lässt. Und jedes Mal erfährt man ein bisschen mehr, da auch sie noch immer auf der Suche nach der ganzen Wahrheit über ihre Familie ist.
Familiengeschichten von der Kaiserzeit bis zum Dritten Reich gibt es viele, aber nur wenige sind so gut belegt wie die von den Klamroths. Wibke Bruhns ist ihrer eigenen Familiengeschichte auf die Spur gegangen und hat sich die Frage gestellt, wie involviert ihre Familie wirklich in die Verbrechen des Dritten Reiches war. Bruhns Aufzeichnung der Familiengeschichte ist zugleich eine Suche nach ihrem Vater. Dieser wurde 1944 in Plötzensee im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 22. Juni exekutiert. Sie war damals erst sechs Jahre und hat kaum Erinnerungen an ihn.
Im April 2011 erschienen die Erinnerungen von Hans Keilson, des 1909 in Bad Freienwalde geborenen und 1936 aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die Niederlande geflohenen Arztes und Schriftstellers. Keilson, in Deutschland wohl nur literarisch interessierten Menschen bekannt, erlangte mit seinen Romanen internationale Aufmerksamkeit und wurde 2010 von der New York Times als „one of the world’s greatest writers“ gefeiert.
Andrea von Treuenfeld, geb. 1957, hat in Münster Publizistik und Germanistik studiert und nach einem Volontariat bei einer Tageszeitung lange als Kolumnistin, Korrespondentin und Redakteurin für namhafte Printmedien, darunter Welt am Sonntag und Wirtschaftswoche, gearbeitet. Heute lebt sie in Hamburg und schreibt als freie Journalistin Biografien und Reportagen mit dem Schwerpunkt Israel, das sie regelmäßig bereist, seit sie Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal in einem Kibbuz lebte und dort Menschen traf, die aus Nazideutschland geflohen waren.
Rettungswiderstand nennt Lustiger die Bemühungen einzelner Menschen oder Gruppen, die ihre Nachbarn, Freunde und auch Fremde versteckt, ernährt und damit gerettet haben. Diesen heimlichen Rettern, vielfach unbekannten und bisher öffentlich nicht erwähnten Menschen mit Zivilcourage will Lustiger mit seiner Untersuchung ein Denkmal setzen. Nicht zuletzt deshalb, weil er sein Leben selbst solchen Rettungswiderständlern verdankt.
Käte Hamburger war Philologin, Philosophin und Literaturtheoretikerin gleichermaßen. Ihr Wedergang ist durch Brüche gekennzeichnet, methodisch hat sie zu weitreichender wissenschaftlicher Diskussion angeregt, institutionell blieb sie marginalisiert und bekam bis zum Ende ihrer wissenschaftlichen Laufbahn keine ordentliche Professur. Trotzdem ist Hamburger besonders als Literaturtheoretikerin zur Klassikerin geworden und ihre Ansätze erweisen sich auch heute noch als aktuell.
Oliver Guez hat ein ambitioniertes Projekt: Die deutsch-jüdische Geschichte will er rekapitulieren, angefangen beim Vorreiter jüdischer Assimilation und Bildungssucht Moses Mendelssohn bis hin zu Wladimir Kaminer, für den sein jüdisches Herkommen kaum mehr eine Rolle spielt. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland wachsen, Synagogen und Gemeinden werden aufgebaut und die jüdische Stimme hat im politischen Diskurs Deutschlands im 21. Jahrhundert wieder eine hörbare Stimme. Ist das – nach Verfolgung und Ausrottungsbestrebungen der Nazis – nicht fast ein Wunder? Was hat die ehemals Verfolgten überhaupt dazu gebracht, in das Land ihrer Feinde und Häscher zurückzukehren?
Manès Sperber entstammt dem osteuropäischen, chassidischen Judentum. 1905 in Galizien, in Zabłotów, geboren, legt er in der Trilogie All das Vergangene… seine autobiographischen Erinnerungen vor, deren erste 13 Jahre das Bändchen Die Wasserträger Gottes umfasst.
Die Juden nehmen sich bekanntlich selbst gerne auf die Schippe, das zeigt Lena Gorelik in ihrem Werk mit dem unendlich langen Titel. Habt ihr was zu Schreiben? Nein, dann solltet ihr euch lieber jetzt Stift und Papier holen und notiert euch bitte: Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.
Sind die Verbrechen der Nazis schon unter “normalen” Gesichtspunkten unfassbar, so ist es noch unfassbarer, wie und dass sich Ärzte in den Dienst dieses Regimes stellten. Der Brief von Dr. Sigmund Rascher an Heinrich Himmler ist nur ein Beispiel für die abartige Einstellung, mit der manche Ärzte Menschen als Versuchstiere benutzten.
Albanien, dieses versteckte Land auf dem Balkan, mit dem Versuch Hitlers, die Juden auszurotten, in Verbindung zu bringen, ist nicht gerade geläufig. Um so überraschender, wenn man unerwartet auf ein paar Informationen zu dem Thema stößt. So erzählt Anilda Ibrahime in ihrem Roman Rot wie eine Braut von einer kleinen jüdischen Gemeinde in der Stadt Vlora, die – zu ihrem Erstaunen – keine Synagoge hatte.