Stellt euch vor, ihr wollt eigentlich eine Kriminalgeschichte schreiben. Gerade seid ihr auf einen spannenden Kriminalfall aus dem Jahr 1938 gestoßen: Ein leichtes Mädchen ist grausam ermordet und dann verbrannt worden, zahlreiche Mitglieder der High Society kommen als Täter in Frage. Toll, denkt ihr, daraus lässt sich ein Berlin-Krimi mit “Dreißiger-Jahre-Touch” machen. Das dachte auch Eva Züchner.
Aber einer der Liebhaber der Ermordeten Tilly A. ist Jude, und das Erforschen seiner Geschichte im Berlin der 1930er Jahre wird zu einer “Falltür im Boden der Geschichte”, die Züchner hinabsteigt. Und am Ende erzählt sie eine ganz andere, aber ebenso spannende Geschichte: Es ist vor allem die der jüdischen Familie Caro, an deren Spitze drei Brüder stehen.
Von wem erzählt wird, ist zufällig, beinahe willkürlich. Die Struktur der Geschichte ist wie ein Spinnennetz, das sich von den Caros in der Mitte immer weiter verzweigt. Es forscht nach den Spuren der Täter, nach Freunden und Bekannten, und auch an Menschen, die mit den Caros “nur” das Schicksal teilen, wird erinnert.
Was ich an Eva Züchners Büchlein so genossen habe, ist ihre unkonventionelle Herangehensweise. Weder präsentiert sie bloße historische Fakten, die den Leser wie Skelette anstarren und – abgesehen von ihrer Gültigkeit – nicht berühren. Sie hat sich aber auch keine jüdische Familiengeschichte ausgedacht oder eine tatsächliche Familienbiographie als Vorbild genommen und dann fleißig ausgeschmückt. Nein, Züchner steht am Anfang des Buches ebenso ahnungslos da wie der Leser selbst: konfrontiert mit den Verhören des jüdischen Verdächtigen. Und auch als sich herausstellt, dass er unschuldig ist, kann sie mit ihrer Recherche nicht aufhören, im Gegenteil: Jetzt geht die Reise in sein Leben, das so präzise wie möglich recherchiert wurde, erst los.
Obwohl Züchner nicht romanhaft schreibt, sondern in erster Linie mit genauem Blick schildert, entwickelt das Buch einen ungeheuren Sog. Wenngleich die kurzen Kapitel es ermöglichen würden, habe ich beim Lesen keine Pause gemacht. Zu groß waren meine Neugier und die fiebrige Erwartung, zu wissen, wie es weitergeht. Der verbrannte Koffer ist so lehrreich wie eine Geschichtsstunde und dabei so spannend wie ein Krimi und verdient damit meine uneingeschränkte Leseempfehlung.
Eva Züchner
Der verbrannte Koffer. Eine jüdische Familie in Berlin
Berlin Verlag, März 2012, 176 Seiten, 18,90€


habe das buch bei hugendubel teilweise gelesen – sehr packende geschichte. ein spannender bericht.
eine tragödie ans licht gezogen, wie sie mitten unter uns überall geschah.
ebenfalls sehr zu empfehlen, aber viel länger:
Daniel Mendelsohn, Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen, Frankfurt 2012. 633 S.
Geschrieben von frank flechtmann | 9. Mai 2012, 09:02Lieber Frank – herzlichen Dank für deinen Kommentar und auch den Buchtipp, den wir sogleich notiert haben.
Geschrieben von synaesthetisch | 10. Mai 2012, 09:20