Manchmal möchte man ein neues Buch nur eben rasch anlesen, sicher gehen, dass es einem gefällt. Gleich
hat man noch etwas anderes vor, vielleicht sogar eine wichtige Erledigung. Dumm nur, wenn man das Buch schon nach den ersten paar Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann und weiterlesen muss. Genauso ist es mir mit Großmama packt aus ergangen: Die Buchstaben sprangen aus den Seiten, kletterten in meinen Kopf, haben mein Herz berührt und mich nicht mehr loslassen wollen; in einem Rutsch habe ich den Roman gelesen.
Es ist Großmama Dische, eigentlich Elisabeth Rother, die mich so gefangen nahm. Großmama kennt weder falsche Scham, noch Bescheidenheit. Sie spricht das aus, was sie denkt, schont niemanden und spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: zynisch, bitterböse, humorvoll und analytisch gleichzeitig. Doch Großmama darf das, sie ist nämlich schon tot und berichtet von ihrer himmlischen Wolke aus über das Überleben im Nationalsozialismus, über Flucht, Vertreibung, Auschwitz und das Leben im amerikanischen Exil. Politisch korrekt ist hier nichts. Ganz im Gegenteil.
Besonders die Männer bekommen ihr Fett weg: Ihnen, ihren beschädigten Genen ist es anzulasten, dass die Frauen der Familie zuweilen verschroben sind und seltsame Eigenheiten entwickeln. Beschädigt meint hier vor allem: jüdisch. Es ist besonders Dische, der unliebsame, weil lebensuntüchtige Schwiegersohn der Großmutter Dische, der ihre Polemik über sich ergehen lassen muss. Sie selbst ist nämlich keine Jüdin, sondern aufrechte Katholikin und weigert sich, in New York unter Juden zu leben. Ganz anders die „missratene“ Tochter. Insgesamt drei Juden heiratet die im Laufe ihres Lebens und macht ihrer Mutter nicht nur damit Kopfzerbrechen. Denn auch ihre Kinder, besonders die Enkelin Irene, leiden am „Dische-Faktor“. Dass das Mädchen keinen High-School-Abschluss hat, liegt selbstredend an der Verschrobenheit des blassen Vaters mit der seltsamen Nase.
Carl war gefügig, Irene dagegen eine Tyrannin und widerspenstig bis dorthinaus. Seine Intelligenz zeigte sich sehr früh und ihr Mangel an Intelligenz ebenfalls. Ich will nicht übertreiben – dumm war sie nicht. Sie war einfach nur normal, und das war immerhin eine Erleichterung. Nicht noch ein Dische-Monster. Aber vom Wesen her war sie abartig.
Dass die Familiengeschichte der Disches ohne Brüche nicht auskommt, verwundert nicht: Außer einem Bruder in Australien sind alle Rothers in der Shoa ums Leben gekommen. Der Verlust aber wird verschwiegen, dies ist vermintes Gebiet, das selbst die Großmutter kaum antasten darf. Und trotzdem schwingt dieser Abgrund im ganzen Roman mit, es ist vor allem der alltägliche Antisemitismus im Kleinen, den die greise Erzählerin genau analysiert. Trotzdem ist Großmama packt aus kein Buch der Anklage, sondern eine tragisch-komische Familiengeschichte voller Schmerz und Enttäuschung auf der einen, Witz und Polemik auf der anderen Seite. Der Roman schafft, was kaum einem Sachbuch gelingen kann: Eine dunkle Geschichte voller Schrecken wird erzählt. Und sie ist dabei wahnsinnig unterhaltsam.
Irene Dische
Großmama packt aus
dtv, Dezember 2006, 384 S., 9,90€
Diese Rezension ist zuerst auf syn-ästhetisch erschienen.


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