Auf den ersten Blick ist Gemma eine ganz normale Großmutter. Sie schmiert ihren Enkeln Brote, backt mit ihnen Kuchen und erzählt Märchen. Besonders gern hören die Mädchen Gemmas Version von Dornröschen: Dornen aber gibt es dort nicht, nur spitzen Lagerdraht, und auch die böse Fee ist bei Gemma ein unheilvoller Todesengel. Erst als die drei Mädchen erwachsen sind und ihre Großmutter im Sterben immer wieder davon spricht, selbst das aus dem Tod erweckte Dornröschen zu sein, kippt die gute Stimmung. Besonders der jüngsten Schwester Becca wird schlagartig bewusst, wie oft die Großmutter beim Erzählen abschweifte oder bei Nachfragen erstarrte und nicht weitersprach.
Als Band 740 erschien 1982 in der altehrwürdigen Bibliothek Suhrkamp ein kleines Bändchen mit einem Essay des polnischen Gelehrten Stanislaw Lem, in dem dieser das fiktive Werk des (ebenfalls fiktiven) deutschen Anthropologen und Historikers Horst Aspernicus, Band 1: Endlösung als Erlösung und Band 2: Fremdkörper Tod, bespricht. Von diesen beiden Bänden will ich hier kurz auf den ersten eingehen. Thema der Arbeit Aspericus ist die Genese und die Einordnung des Völkermords im Allgmeinen und insbesondere des Nationalsozialismus an den Juden.
Ich habe neulich eine Unterhaltung geführt, in der es darum ging, dass ich es ein wenig aus den Augen verloren habe, während des Lesens mitzufühlen. Ein Buch kann mich fesseln, berühren, traurig oder fröhlich stimmen, doch im Laufe der vielen Bücher, die ich gelesen und rezensiert habe, ist mir die Zeit, mich intensiv in die Figuren hineinzuversetzen, abhanden gekommen. Meine Art zu lesen ist analytischer geworden, denn ich fühle mit dem Abstand, den ein gewisses Maß an Objektivität einfordert. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass ich ausgerechnet jetzt, wenige Tage nach dieser Unterhaltung, Ein Buch für Hanna gelesen habe, denn eben jenes Buch hat mir gezeigt, dass mir das Mitfühlen noch nicht abhanden gekommen ist.
Im April 2011 erschienen die Erinnerungen von Hans Keilson, des 1909 in Bad Freienwalde geborenen und 1936 aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die Niederlande geflohenen Arztes und Schriftstellers. Keilson, in Deutschland wohl nur literarisch interessierten Menschen bekannt, erlangte mit seinen Romanen internationale Aufmerksamkeit und wurde 2010 von der New York Times als „one of the world’s greatest writers“ gefeiert.
Dieser Roman des ehemaligen israelischen Nachrichtenoffiziers und heutigen Rechtsanwaltes Yishai Sarid führt den von der ersten Seite an gebannten Leser hinein in eine Welt, in der der Terror und die Gewalt alltäglich geworden sind. In einer im Verlauf des Buches immer bedrückender werdenden Geschichte begleitet er seine Protagonisten einen Sommer lang von Jerusalem über Tel Aviv bis nach Limassol auf Zypern.
Das Buch vereint zwei Geschichten, die sich in sehr kurzen Kapiteln abwechseln und scheinbar keinen Bezug zueinander haben. Auf der einen Seite die ‚autobiographische’ Erzählung des Autors Georges Perec, der von sich behauptet, keine Erinnerung an seine Kindheit zu haben, und der diese verlorene Kindheit anhand von Fotografien, Dokumenten und den wenigen Erinnerungen, die ihm geblieben sind oder die nun während des Schreibens zurückkehren, zu rekonstruieren versucht.
Wie mag das sein, wenn man inmitten einer Gemeinschaft aufwächst, in der jedes Kind von diesem mysteriösen Ort “Shoa” schon einmal gehört hat, nur man selbst nicht? Wenn die Biographie der eigenen Mutter nur so alt ist wie das eigene achtjährige Selbst und der Vater nur als Schatten durch das eigene Leben streicht? Lizzie Doron hat in ihrem neuesten, zutiefst autobiographischen Roman versucht, diese Fragen zu beantworten. Eigentlich hat die kleine Alisa einen großartigen Vater, denn seine Abwesenheit bietet unendlich viel Raum zum Phantasieren. Und Phantasie hat schon das kleine Mädchen genug. So wird der Vater mal zum heldenhaften Partisanen, dann wieder zum Toten oder Kapo im KZ gemacht.
Ende 1944 wurden in Ungarn von den Nationalsozialisten große Anstrengungen unternommen, die dortigen Juden auszurotten. Die Aktion stand unter der Leitung von Adolf Eichmann und wurde mit tatkräftigster Unterstützung der Pfeilkreuzler in Angriff genommen. Vor der (Welt)Öffentlichkeit sollte eine gewisse Tarnung aufrecht erhalten werden, indem die Juden offiziell “nur” zum Arbeitseinsatz in Deutschland getrieben wurden. Jedem, der sehen wollte, war natürlich klar, dass die Art und Weise, wie bei der Deportation vorgegangen wurde, nur eine Schlussfolgerung übrig ließ. Auch der damals 14-jährige Autor wurde mit seiner Familie und seiner 12-jährigen Freundin Vera in einen Marschkonvoi gesteckt und zur Sammelstelle in der alten Ziegelei geführt.
Dies ist eine sehr schöne und bemerkenswerte Geschichte, sprachlich überzeugend (am Ende fast experimentell) mit einer überraschenden Wende und einem wunderbar melancholischen Ende. Dabei geht es natürlich nicht um eine historische Spurensuche, während die Geschichte der Liebe im Allgemeinen erforscht wird. Es geht eher um die Geschichte einer Liebe. Einer ganz besonderen.
Andrea von Treuenfeld, geb. 1957, hat in Münster Publizistik und Germanistik studiert und nach einem Volontariat bei einer Tageszeitung lange als Kolumnistin, Korrespondentin und Redakteurin für namhafte Printmedien, darunter Welt am Sonntag und Wirtschaftswoche, gearbeitet. Heute lebt sie in Hamburg und schreibt als freie Journalistin Biografien und Reportagen mit dem Schwerpunkt Israel, das sie regelmäßig bereist, seit sie Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal in einem Kibbuz lebte und dort Menschen traf, die aus Nazideutschland geflohen waren.
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